Wir
Ich trat aus der Haustür.
Die Kälte machte meinen Atem sichtbar ein kurzer Nebel vor meinem Gesicht, der sofort wieder verschwand. Die Straße war wach, aber noch gedämpft: Schritte in der Ferne, ein Fahrrad, das leise über den Asphalt schnitt, das metallische Klicken einer Ampel.
Die Sonne stand niedrig. Ihr Licht traf mich seitlich, warm und fremd zugleich, als wäre es nur kurz hier, um sich wieder zu entfernen. Ich schaute in den Himmel und dachte plötzlich daran, wie dieses Licht wohl auf deinem Gesicht liegt. Wo es sich festsetzt. Wo es weiterzieht. Ob es dich berührt oder nur streift.
Ich ging weiter, und in mir wurde es still.
Diese Art von Stille, die nicht beruhigt, sondern wach macht.
Es ist seltsam: Man kann jemanden im Kopf so nah bei sich tragen, dass der eigene Tag sich nach ihm ausrichtet. Und gleichzeitig bleibt da eine Distanz, die man nicht überbrücken kann. Nicht mit Worten. Nicht mit Vernunft. Nicht einmal mit Zeit.
Manchmal fühlt es sich an, als müsste man mit etwas in der Brust weiterleben, das nicht weggeht. Keine große Wunde. Eher eine kleine, scharfe Stelle, die man ständig spürt besonders dann, wenn alles eigentlich schön ist.
Und irgendwann, zwischen Atem und Licht, kommt diese Frage ganz leise:
Ob es das wirklich gibt… etwas, das von beiden Seiten zugleich kommt.
Oder ob man meistens nur allein in etwas hineingeht, das sich wie „wir“ anfühlt.