Therapiestunde
Nach Wochen, in denen Berlin nur grau war, bricht plötzlich Licht durch die Wolken. Kein großes Wunder eher ein leiser, goldener Moment, der so tut, als wäre die Stadt wieder bewohnbar.
Ich gehe über den Bürgersteig, die Hände tief in den Taschen, als könnte ich mich darin verstecken. Vor mir das alte Gebäude: schwere Tür, abgenutzte Klinke, ein Treppenhaus, das nach Staub und Zeit riecht. Ich steige die Stufen hinauf, eine nach der anderen. Jeder Schritt klingt zu laut, als würde er etwas verraten.
Oben öffne ich die Tür.
Das Zimmer ist warm, still. Und da sind sie: große Pflanzkübel, riesige Blätter, Stämme, die sich strecken, als wollten sie aus dem Raum fliehen. Die Pflanzen stehen aufrecht, bis fast zur Decke lebendig, aber eingesperrt. Als wäre dieses Zimmer zu klein für ihr Wachsen. Als wäre es ein Käfig, der freundlich aussieht.
Ich gehe zu meinem Platz. Der gleiche Stuhl. Der gleiche Winkel. Der Ort, an dem man nicht stark sein muss.
Ich setze mich.
Hier darf man den Atem verlieren.
Hier darf man den Kloß im Hals nicht mehr runterdrücken.
Hier darf man weinen, ohne sich dafür zu schämen.
Hier darf man schweigen, ohne sich erklären zu müssen.
Manchmal sitze ich einfach da und spüre, wie sich etwas in mir zusammenzieht wie eine Hand, die mein Herz festhält. Und manchmal kommen die Worte, langsam, stockend, so als wären sie aus einem tiefen Brunnen heraufgezogen.
Ich öffne Wunden, die ich sonst verstecke. Ich spreche über Dinge, die ich nicht mal mir selbst sauber sagen kann. Und gegenüber sitzt ein Mensch, der seine Arbeit macht ruhig, konzentriert, ohne Drama und versucht, mich zu verstehen.
Und genau darin liegt die Tragödie.
Weil es so menschlich ist.
Weil es so spät ist.
Weil man manchmal erst dann anfängt, ehrlich zu fühlen, wenn etwas schon zerbrochen ist.
Am Ende bleibt diese Wahrheit wie ein Bild, das man nicht aus den Augen bekommt:
Du bist in mir.
Nicht als Idee. Nicht als Geschichte, die ich mir ausgedacht habe.
Sondern als ein echtes Ereignis. Als etwas, das passiert ist.
Dein Gesicht. Deine Bewegungen. Deine Stimme.
Und diese seltsamen kleinen Momente, die niemand wichtig finden würde und die für mich alles sind.
Und hinter diesem Bild sind Wunden, die ich nicht sofort sehe. Wunden, die sich dort versteckt haben, wo man nicht hinschaut. Wunden, die sich manchmal schließen aber nicht heilen. Jetzt sitze ich hier und merke: Ich muss aufhören, gegen die Realität zu kämpfen. Ich muss aufhören, die Zeit zurückziehen zu wollen wie einen Film, der anders enden soll.
Ich muss es annehmen.
Nicht weil es leicht ist sondern weil es die einzige Tür aus diesem Kreislauf ist.
Und dann sagt meine Therapeutin, ganz ruhig, fast wie ein Satz, den man erst später wirklich versteht:
„Sie sind ein Künstler.
Machen Sie aus Schmerz und Liebe Kunst, damit Sie sich befreien können.“
In dem Moment ist es, als würde sich etwas in mir bewegen.
Nicht Freude. Nicht Lösung.
Aber ein kleiner Spalt Luft.
Als hätte jemand kurz ein Fenster geöffnet.