Johannes Brahms – Symphonie Nr. 3
Es gibt Abende, an denen man sich selbst nicht aushält.
Nicht dramatisch eher still. Als würde im Inneren etwas zu eng werden.
Dann geht man raus.
Berlin ist kalt, die Luft schneidet sauber. Auf dem Asphalt liegt dieses feuchte Glänzen, das jede Laterne doppelt macht. Menschen ziehen vorbei, zu schnell, zu beschäftigt, als hätten sie eine andere Temperatur als ich.
Und irgendwann steht sie da: die Philharmonie.
Gold im Grau, als hätte jemand Wärme gebaut.
Drinnen wird es leiser.
Mäntel streifen Stoff, Tickets knicken, jemand flüstert, jemand lacht kurz und stoppt wieder.
Man setzt sich hin, gerade so, als hätte man einen Platz in der Welt gefunden.
Programmheft in der Hand. Finger zu kalt. Schultern noch von draußen.
Dann diese Sekunden vor dem Anfang:
ein Husten irgendwo, ein letztes Rascheln, ein Atemzug, der nicht weiß, wohin.
Und dann beginnt Symphonie Nr. 3 von Johannes Brahms.
Nicht wie Trost.
Eher wie etwas, das dich endlich ernst nimmt.
Als würde die Musik sagen: „Ja. So ist es. Genau so.“
Sie hebt dich nicht hoch sie hält dich fest, damit du nicht auseinanderfällst.
Man merkt plötzlich, wie viel man den ganzen Tag geschluckt hat.
Wie viel man nicht gesagt hat.
Wie viel in einem arbeitet, ohne Worte zu finden.
Die Töne laufen durch den Raum wie Licht, das nicht blendet.
Mal warm, mal dunkel.
Und in dieser Bewegung passiert etwas Merkwürdiges:
Der Druck im Brustkorb wird nicht weg aber er bekommt Form.
Er wird zu etwas, das man anschauen kann, ohne sich zu schämen.
Wenn die Musik endet, klatschen alle.
Aber in mir bleibt noch ein Nachklang, als würde etwas weiterlaufen,
leise, aber richtig.
Und draußen, auf dem Weg zurück,
ist Berlin immer noch Berlin.
Kalt, grau, schnell.
Nur ich nicht mehr ganz.