Paris

Vielleicht ist Paris ein Pflaster.

Nicht, weil es heilt sondern weil es die Wunde elegant verbindet, damit sie nicht so offen aussieht.

Ich stelle mir vor, wie ich aus der Metro steige.

Die Luft ist kalt und riecht nach Regen, Kaffee und Stein. Auf dem nassen Asphalt ziehen Autos vorbei, ihr Geräusch wie ein permanenter Pinselstrich. Die Stadt glänzt, als hätte sie sich extra geschniegelt, damit niemand merkt, wie müde sie ist. Unter den Schuhen: Pflaster, das schon tausend Schritte geschluckt hat tausend Geschichten, die niemand zu Ende erzählt.

Ich gehe. Und überall ist Kunst.

Nicht als Museum, sondern als Haltung: Fassaden wie Kulissen, Fenster wie Rahmen, Licht wie eine alte Fotografie. In den Cafés sitzen Menschen, die so aussehen, als würden sie warten auf ein Gedicht, auf einen Blick, auf eine Idee. Manche sprechen leise, manche gar nicht. Sie halten Zigaretten wie Requisiten und tun so, als wäre Melancholie ein Stilmittel.

Und ich?

Ich trage dich in mir wie ein Bild, das zu hell belichtet ist.

Ein Gesicht, das sich nicht aus dem Film schneiden lässt.

Ich glaube, in Paris kann man nicht einfach traurig sein man muss es ästhetisch tun. Die Stadt duldet Schmerz, solange er gut gekleidet ist. Solange er nach Literatur riecht. Solange er sich in Metaphern versteckt und nicht zu laut wird. Vielleicht ist Paris genau deshalb der Zufluchtsort für unbeantwortete Liebe: Hier nennt man sie nicht „Scheitern“. Hier nennt man sie „Motiv“.

Ich sehe mich in einem Museum stehen.

Vor einem Gemälde, das so still ist, dass es fast schreit.

Und ich denke: Ich bin nicht hergekommen, um dich zu vergessen, ich bin hergekommen, um dich umzuwandeln. Aus Sehnsucht Material zu machen. Aus Schmerz eine Sprache. Aus einem „Du“ ein Werk, das ich anfassen kann, ohne zu zerbrechen.

Vielleicht nimmt mir Paris ein wenig von der Sehnsucht nach deinem Gesicht nicht weil es mir etwas Besseres gibt,

sondern weil es mir zeigt, wie man Verlust in Form gießt.

Wie man ihn rahmt.

Wie man ihn aufhängt, damit er endlich Abstand bekommt.

Paris ist schön.

Und diese Schönheit ist manchmal grausam, weil sie so tut, als wäre alles möglich.

Als würde Nähe hier selbstverständlich sein: Paare im Gegenlicht, Hände ineinander, Lachen an jeder Ecke. Und ich stehe daneben wie ein Zuschauer, als wäre ich nicht Teil der Szene, sondern der, der sie dokumentiert.

Vielleicht akzeptiert Paris mich als Künstler

weil Künstler hier gebraucht werden, um die Stadt weiter zu bestätigen.

Um aus dem Leben Bilder zu machen, damit niemand zugeben muss, dass es weh tut.

Und vielleicht… vielleicht ist genau das mein Problem:

Dass ich nicht nur lieben will.

Ich will, dass Liebe wahr ist.

Nicht nur schön.

Aber wenn ich ehrlich bin:

Wenn Paris mich annimmt, dann vielleicht genau so als jemand, der zu viel fühlt,

und daraus Kunst macht,

weil er nicht weiß, wohin sonst damit.