Kunstwerk
Manchmal trete ich in meinen Kopf ein, als würde ich eine Tür öffnen, die nur nach innen führt.
Draußen bleibt die Welt stehen Straßenlärm, Termine, Gesichter.
Drinnen ist es still genug, dass sogar ein Gedanke ein Geräusch macht.
Dieser Ort sieht nicht jedes Mal gleich aus.
Aber oft ist er ein Zimmer aus Holz, warm und dunkel wie eine Erinnerung.
In der Ecke brennt ein Kamin, nicht groß eher so, als würde er nur für mich atmen.
Am Fenster läuft Regen in dünnen Spuren nach unten, als würde die Nacht schreiben lernen.
Das Glas zittert leicht, wenn der Wind dagegenstößt.
Der Geruch von Rauch mischt sich mit etwas Süßem, vielleicht Kaffee, vielleicht nur Zeit.
Ein Ledersessel knarzt, wenn man sich bewegt.
Und ich bewege mich vorsichtig, als könnte ich alles zerstören, wenn ich zu schnell bin.
Manchmal bist du da.
Nicht als „du“ aus der Realität sondern als die Version, die mein Blick aus dir gemacht hat:
ein Gesicht, das mich zwingt, genauer hinzuschauen.
Du sitzt mir gegenüber, halb im Schatten, und das Feuer zeichnet Lichtkanten auf deine Wangen.
Du sagst nichts.
Und gerade deshalb wird alles in mir lauter.
Ich nehme einen Pinsel, als wäre er ein Instrument.
Nicht um „schön“ zu malen sondern um auszuhalten, was in mir keinen Platz findet.
Der Künstler ist nicht dramatischer als andere.
Er ist nur weniger geschützt.
Er spürt früher. Tiefer.
Nicht nur Schönheit auch den Moment, in dem Schönheit wehtut.
Nicht nur Freude auch den Rand, an dem sie kippt.
Nicht nur Liebe auch das Zittern darin, diese Angst, dass sie nicht bleibt.
Und er drückt niemanden damit.
Er will niemanden festhalten.
Er will nur verstehen.
Aber er fühlt auch den Druck, den Menschen einander machen dieses unsichtbare Ziehen und Schieben, dieses „Sei anders“, „Sei leichter“, „Sei weniger“.
Dann bleibt oft nur die Flucht: zurück nach innen.
Dorthin, wo ich meine Gefühle nicht erklären muss.
Wo ich sie einfach hinlegen kann wie Gegenstände auf ein Regal, ordentlich nebeneinander,
damit sie mich nicht überfallen, wenn ich die Augen schließe.
Und vielleicht ist das mein Werk:
dass ich aus dem, was mich überwältigt, etwas mache, das stehen bleibt.
Wie die Fotos, die ich von dir gemacht habe.
Nicht als Beweis.
Eher wie kleine Rahmen gegen das Vergessen.
Als würde ich sagen:
„Hier war etwas.
Und es war echt zumindest in mir.“