Der Künstler
Die reale Welt ist mir fremd.
Nicht weil sie falsch ist sondern weil sie sich oft anfühlt wie ein Raum, in dem ich zu laut höre. Zu scharf sehe. Zu viel spüre.
In mir ist es tief. Fast endlos.
Manchmal ist es, als würde ich in einem inneren Flur laufen, der kein Ende hat: Türen auf beiden Seiten, Erinnerungen dahinter, Bilder, die ich nie ganz ordnen kann. Und irgendwo ganz hinten dieses leise Rauschen, das bleibt wie ein Ozean, den man nicht sieht, aber hört.
Als ich begriff, wie kompliziert ich bin, begann ich anders auf Menschen zu schauen. Ich sah sie zuerst noch durch meine Linse durch meine Angst, meine Sehnsucht, meinen eigenen Schmerz. Aber ich hielt einen Gedanken fest: Auch sie sind nicht einfach. Auch in ihnen gibt es Gänge, Abgründe, Stellen, die sie verstecken. Und manchmal reicht ein Blick, um zu merken: Niemand ist wirklich „normal“. Viele sind nur besser darin, so zu wirken.
Ich bin sehr sensibel.
Mein Körper ist wie ein System von Antennen. Er nimmt alles auf: den Tonfall, bevor ein Satz fällt; das Zögern in einer Handbewegung; die Spannung in einem Raum. Selbst Stille hat für mich eine Lautstärke. Und manchmal ist das zu viel. Nicht weil es „dramatisch“ ist sondern weil es schneidet. Weil es keine Haut dazwischen gibt.
Und ehrlich gesagt: Ich bin müde, es zu erklären.
Müde, mich zu übersetzen.
Ich will nicht mehr, dass mich jemand vollständig versteht.
Ich will nur, dass ich etwas bauen kann aus dem, was in mir zu groß ist, um es zu tragen.
Etwas, das bleibt, ohne dass ich mich dafür rechtfertigen muss.
Vielleicht ist das Kunst:
ein Ort, an dem die Überempfindlichkeit nicht Schwäche ist, sondern Material.
Ein Ort, an dem das, was im Alltag gefährlich wird, plötzlich Sinn bekommt.
Ich mache mein Werk für mich.
Wie jemand, der nachts ein Licht anlässt, nur um zu wissen, dass er noch da ist.
Und vielleicht irgendwann, nach Jahren liest jemand diese Zeilen und spürt für einen Moment, was ich meine.
Nicht, weil er mich kennt.
Sondern weil er sich in einer einzigen Zeile wiederfindet.